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Homestory: Johanna Benden

Johanna allein zu Haus
Mit diesen Worten lässt sich mein Schreibprozess perfekt zusammenfassen, denn am besten komme ich voran, wenn niemand sonst im Haus ist. In der Regel bringe ich meine beiden Kinder morgens zur Schule, flitze wieder nach Hause, schmeiße meine Ein-Tassen-Kaffee-Maschine an und fahre den Rechner hoch. Am liebsten arbeite ich an meinem Schreibtisch in meinem neuen Büro. Da habe ich alles, was ich brauche.

 

Ich starte mit einem kurzen Blick auf Facebook und meine E-Mails, stelle mir eine Playlist für den Tag zusammen und öffne die letzte Version des aktuellen Schreibprojektes. Meist ist danach der Kaffee fertig und die Uhr zeigt acht ein bisschen an. Um wieder mit meiner Geschichte warm zu werden, schaue ich die Kommentare meiner Scheibchenleser durch. Anschließend lese ich die Seiten vom Vortag, überarbeite sie entsprechend der Anmerkungen meiner fleißigen Mitstreiter und feile an Formulierungen. Oft ist es bereits nach neun, bevor ich am Ende meines Skripts angekommen bin und weiterschreiben kann.
Die erste Stunde läuft üblicherweise hakelig, da lasse ich mich sehr leicht ablenken. Schlimm ist das! Telefon, WhatsApp, Facebook, Mails und Internet sind in dieser Phase viiiiiel spannender als die Nebelsphäre. Seufz. Es gibt Tag bzw. Szenen, da muss ich wirklich alles konsequent weglegen oder ausstellen um einigermaßen in den Flow zu kommen. Nach einer Weile ohne Störung von außen läuft es besser: Gegen zehn bin ich in der Geschichte angekommen. Dann interessiert mich der Rest der Welt nicht mehr die Bohne und die Finger fliegen über die Tastatur. Blöderweise rennt nun auch die Zeit wie der Teufel, so dass ich häufig ganz erstaunt bin, dass schon eine oder zwei Stunden vergangen sind.
Ab zwölf schaue ich alle zehn Minuten mit bangem Blick auf die Uhr, da ich spätestens zehn vor eins zur Schule aufbrechen muss. Grins. Das ist wie ein Wettlauf gegen die Zeit! Meine Gedanken überschlagen sich und finden sich in teils absurden Ideen auf dem Skript wieder. Ich werde immer schneller, die Formulierungen flacher, der Ausdruck gröber. Hauptsache ich schaffe es, alle Gedankenblitze irgendwie festzuhalten. Happy bin ich, falls ich einen halbwegs akzeptablen Abschluss hinbekomme, aber ich habe auch Tage, da hören die Sätze unvollendet mittendrin auf, weil ich SOFORT los muss, um die Kinder abzuholen.
Hektisch konvertiere ich das Skript zum PDF, hänge es an eine Mail und sende es (warum dauert das so lange, wenn man es mal eilig hat – also eigentlich immer!) an meine Scheibchenleser. Dann noch Rechner runterfahren, zack, zack Schuhe an und los! Fast immer bin ich spät dran und muss kräftig in die Pedalen treten, damit die Kids nicht warten müssen. Auf der Fahrt läuft mein Kopfkino weiter: ohne mein Zutun spinnen sich Dialoge, Szenarien bauen sich von Geisterhand auf und Dämonen mit tiefschwarzem Humor wispern mir fiese Dinge ins Hirn, die ich leider erst am nächsten Tag weiterverfolgen kann.
Tja, das ist in etwa ein typischer Vormittag in meinem Schriftstellerleben. Der Nachmittag gehört der Familie und abends erledige ich Korrespondenz, Buchhaltung oder plane Posts für Facebook und meine Webseite. Natürlich läuft nicht jeder Tag exakt so. Habe ich beispielsweise eine Szene beendet, muss ich mich für die nächste erst wieder sortieren. Das geht am besten, indem ich etwas ganz Profanes mache: Wäsche auf- oder abhängen eignet sich hervorragend dafür. Im Notfall tut es auch das Ausräumen der Spülmaschine. Danach klappt es mit dem Schreiben wie am Schnürchen. Grins. Und der Haushalt ist ebenfalls erledigt. Doppelgrins.
Günstig ist es, wenn ich einmal in der Woche in die Sauna gehe. Während ich in der Hitze liege und schwitze, überlege ich mir, wie die nächste Szene aufgebaut sein soll, welche Fakten bis zum Finale noch verarbeitet werden müssen oder was Bill anstellen könnte. In den Ruhepausen schnappe ich mir mein Skizzenbuch und schreibe alle Ideen auf. Ein Saunabesuch strukturiert meine Gedanken, um eine Woche lang schreiben zu können. Das ist sehr hilfreich für die Nebelsphäre und die Wärme kann ich genauso gut haben.

 

Aber auch sonst verlasse ich das Haus nur äußerst selten ohne Skizzenbuch. Ich weiß ja nie, wann und wo ich wieder von einem Dialog oder einer Idee angesprungen werde. Und nur am Rande: der schwarzhumorige Dämon in meinem Hirn hält eh nie die Klappe.

Ein Kommentar

  • Nadys Bücherwelt

    Hallo,
    was für ein schöner und interessanter Beitrag. Ich liebe die Bücher von Johanna Benden und es hat mir sehr gut gefallen, mal etwas mehr privates von ihr zu lesen. Ich musste sehr oft schmunzeln, weil mich ihr Alltag doch sehr an meine Zeit erinnert, als meine Kinder noch klein waren. Zwar habe ich in der Zeit, als sie in den Kindergarten oder Schule gingen, nicht geschrieben, aber gelesen. Und da geht die Zeit ja bekanntlich auch viel zu schnell vorbei.
    Danke für diesen humorvollen Beitrag und ich freue mich auf die Bücher, die Johanna Benden noch für uns schreiben wird.

    Habe übrigens auf meinem YouTube Kanal ein Rezensionsvideo
    https://youtu.be/1Df7xkZ28to

    Sowie eine kleine Lesung aus “Nebelsphäre – Der Zauber des Phönix”
    https://youtu.be/IFYaQRt2Sqo

    Viele liebe Grüße
    Renate von Nadys Bücherwelt

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